Meine Pflanzen wachsen – knusprig

Wenn ihr keinen Platz mehr für eure Pflanzen habt, aber ein schlechtes Gewissen hättet, sie zu entsorgen – bringt sie zu mir. Ich erledige das. Ich schwöre. Immerhin habe ich es mein Leben lang geschafft, alle Blumen eingehen zu lassen. Denn obwohl ich blühende Pflanzen sehr mag, beschränkt sich mein Erfolg (trotz eigenen Balkons) auf ein absolutes Minimum.

Irgendwann habe ich es aufgegeben und mich damit abgefunden, dass außer Palmen bei mir nichts gedeiht. (Und auch diese fristen – zugegeben – ein etwas risikoreiches Dasein in meiner Nähe. Einige schon seit Jahren.) Wenn das Wort „Überlebenskünstler“ also nicht längst schon im Duden vorhanden wäre, so würde es sicher von jemandem erfunden, der die Bekanntschaft meiner Pflanzen gemacht hat.

Dabei wäre es grundsätzlich ja ganz einfach: Es muss nichts blühen, nichts wachsen – sondern sie sollen einfach nur herumstehen und hübsch aussehen. Und: Sie müssen damit leben, dass ich sie entweder vergesse oder sie zu Tode gieße. Die Reihenfolge wechselt ständig und ist flexibel handhabbar.

„Flora Risikosis“
Trotz alledem oder gerade deswegen habe ich vor dem letzten Besuch von Freunden im Gartencenter vorbeigeschaut, um einen erneuten Feldversuch zu starten. Ohne irgendeine Ahnung zu haben, habe ich mich schlussendlich für eine Vielzahl an neuen Stunt
men-Pflanzen entschieden. Meine handerlesene Auswahl der Gattung „Flora Risikosis“ sollte sich dadurch auszeichnen, dass sie die tägliche Gefahr sucht und mit einem Maximum an Todessehnsucht ausgestattet ist.

Insgesamt haben fünf Gewächse ihren neuen Auftrag übernommen und sind mir ohne Zögern und vorheriger Erkundungen gefolgt.

Zwei kleine Blüten!
Und dann, zwei Tage später. Was sehen meine Augen? Kleine Blüten! Ich weiß noch genau, wie ich mich gefühlt habe: Euphorisch, wie jemand der Leben erschaffen kann, voller Glück. Und Macht. (Ich meine
: Wenn ich es schaffe, binnen eines Tages mehr als zwei Blüten zu erschaffen – was könnte ich denn dann den Rest meines Lebens noch alles erreichen??)

Also habe ich überlegt, was als nächstes kommt. 32 Jahre sind immerhin eine lange Zeit. Wollte ich wieder so lange warten, bis ich es mit der nächsten Pflanze versuche? Dann würde ich es immerhin zwei Mal in meinem Leben schaffen (ein drittes geht sich rechnerisch ja nicht mehr aus). Oder wollte ich mehr?

Ich meine, würde ich auf dem Land leben, könnte ich etwas Bleibendes probieren, wie einen Baum großziehen. Aber wenn sie manchen Leuten heute schon verbieten an ihrem eigenen Baum die Äste selbst zu schneiden wie sie möchten – Baumschutzsatzungen sei Dank – dann gibt es in irgendeinem Amt sicherlich auch jemanden, der mir nicht erlaubt, einen Baum zu pflanzen, nur weil ich mir das einmal zutraue. Oder gar, weil ich es bin. („Ihr Ruf eilt Ihnen Voraus, Fräulein Frech…“).

Zwei Tage lang pures Glück

Also habe ich mich einfach nur still am Dasein meiner zarten Blüten erfreut und immer wieder dieses Bild genossen. Einen weiteren Tag lang. Was ich vor lauter Begeisterung nämlich übersehen habe war… das Absterben des Stranges, aus dem sie entwachsen sind…

Ende der Erfolgsgeschichte.

Die Blüten brauchten nicht lange, um zu merken, dass sie längst in keinem Boden mehr steckten, sondern nur noch in sich selbst existierten. Auch der gewählte Platz am Balkongeländer, sodass sie so lange wie möglich etwas von der Welt sehen konnten, entlockte ihnen ob der Hof-Lage kein zusätzliches Freudestrahlen oder entfachte einen noch nie dagewesenen Kampfgeist – sondern sorgte nur für ein mildes Abschiedslächeln.  

R.I.P. du einzige von mir erschaffene Blüte in meinem bisherigen Leben.

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